Barrierefreies Webdesign und Leichte Sprache

Warum digitale Zugänglichkeit unverzichtbar ist und welche Rolle Leichte Sprache dabei spielt: Ein Gespräch mit Tobias Roppelt...
webentwickler arbeitet an barrierefreier website
Inhalt

Ein Gespräch mit Tobias Roppelt, Experte für digitale Barrierefreiheit und barrierefreies Webdesign, über technische Hürden, gesetzliche Pflichten und die Frage, warum echte Teilhabe im Internet nur funktioniert, wenn auch die Sprache barrierefrei wird.

Tobias Roppelt von Gehirngerecht
Foto: Tobias Roppelt

„Im digitalen Raum müssen Barrieren eigentlich nicht sein und Zugänglichkeit ist für alle möglich.“

Dieser Satz fällt früh in unserem Gespräch mit dem Experten Tobias Roppelt und er trifft den Kern.

Unser Gesprächspartner arbeitet seit Jahren im Bereich digitale Barrierefreiheit und barrierefreies Webdesign (https://gehirngerecht.digital/). Ihm geht es um mehr als technische Optimierung. Für ihn steht fest: „Digitale Barrierefreiheit bedeutet Selbstbestimmung und kann gewährleistet werden, wenn Websites richtig gebaut sind.“

Viele Menschen können Websites nur dann eigenständig nutzen, wenn sie barrierefrei gestaltet sind. Dafür müssen Buttons richtig beschrieben sein, damit Screenreader die Inhalte korrekt auslesen können. Außerdem ist es wichtig, dass eine Seite komplett mit der Tastatur bedienbar ist und dass Bilder Alternativtexte haben, die wirklich beschreiben, was dargestellt wird.

Was bedeutet digitale Barrierefreiheit?

Digitale Barrierefreiheit bedeutet, Websites, Apps und digitale Inhalte so zu gestalten, dass wirklich alle Menschen sie eigenständig nutzen können, unabhängig von Alter, Behinderung oder technischen Kenntnissen.

Dazu gehört zum Beispiel, dass die Website so strukturiert ist, dass mit Hilfe von assistiven Technologien wie dem Screenreader (Programm, das Inhalte vorliest) alle Inhalte der Website erfasst und ausgegeben werden können. Außerdem helfen:

  • eine uneingeschränkte Tastaturnavigation,
  • Untertitel für Videos,
  • Alternativtexte für Bilder und
  • das Zwei-Sinne-Prinzip, bei dem Informationen über mehr als einen Sinn verfügbar gemacht werden, also zum Beispiel visuell und auditiv zugänglich sind.
 

„Assistive Technologien ermöglichen selbstständiges Arbeiten. Aber dafür müssen Websites auslesbar sein“, sagt Tobias Roppelt. Ohne sauberen Code nützen die besten Technologien nicht und aus digitalen Barrieren werden gesellschaftliche.

Was ist barrierefreies Webdesign?

Barrierefreies Webdesign orientiert sich an klaren Standards:

  • WCAG 2.1 / 2.2 (Web Content Accessibility Guidelines): Internationale Richtlinien für digitale Zugänglichkeit, die auf den vier Kernprinzipien Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit basieren.
  • EN 301 549: Die zentrale europäische Norm für digitale Barrierefreiheit ist die wichtigste Sammlung von einschlägigen Barrierefreiheitsanforderungen an die Informationstechnik.
  • Konsistente Navigation: Dient der Orientierung für Nutzer*innen
  • Name–Rolle–Wert-Prinzip: Der semantische Code, also zum Beispiel die korrekte Benennung eines interaktiven Elements (z.B. ein Button) ist essentiell für die Nutzbarkeit der Website, denn nur so kann der Screenreader sie richtig auslesen.
 

Unser Experte erklärt ein typisches Problem: „Wenn ein Icon zum Beispiel „Mail senden“ bedeutet, aber nicht richtig beschriftet ist, kann der Screenreader nicht sagen, was der Button tut. “Dann ist die Funktion nicht nutzbar.“

Aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen

Obwohl technisch heute fast alles möglich wäre, steckt digitale Barrierefreiheit oft fest, aber warum?

Tobias Roppelt sagt: „Viele Unternehmen wollen die Barrierefreiheit auf ihren Websites verbessern, aber sie haben keine Kapazitäten.“ Zeit, Personal, Budget, alles Faktoren, die es den Unternehmen erschweren, auf barrierefreies Webdesign zu achten.

„Es geht nicht nur um ‚keinen Bock‘ oder schlichte Ignoranz, sondern viele haben zu wenig Ressourcen, um ihre Onlinepräsenz umzustrukturieren.“ Barrierefreiheit muss nicht kompliziert sein, aber sie muss geplant werden. Ohne Budget und Verantwortlichkeiten bleibt sie ein „Irgendwann-Projekt“.

Gleichzeitig steigt der Druck von außen, denn gesetzliche Vorgaben werden strenger, öffentliche Stellen müssen barrierefrei werden und auch in der Politik und den Medien rückt die Barrierefreiheit stärker in den Fokus.

Die gute Nachricht laut Tobias Roppelt: „Der Standard wird kommen. Und wenn er da ist, ist der Mehraufwand für Unternehmen gar nicht mehr so groß und leichter umzusetzen.“

Welche Rolle spielt Leichte Sprache im digitalen Raum?

Leichte Sprache ist ein wichtiger Bestandteil barrierefreier Kommunikation, aber gesetzlich im digitalen Bereich nicht immer verpflichtend.

„Im Barrierefreiheitsstärkungsgesetz ist Leichte Sprache nicht enthalten.“, erklärt der Experte. Das ist ein großes Problem, vor allem für Menschen, die auf verständliche Texte angewiesen sind.

Einfache Sprache dagegen findet online häufiger Anwendung, weil sie:

  • schneller umzusetzen ist
  • weniger Eingriffe ins Design erfordert
  • keine gesonderten Layouts benötigt.

Doch Leichte Sprache ist etwas anderes. Sie braucht nicht nur neue Texte, sondern oft eine komplett eigene Website-Struktur.

"Man müsste Websites eigentlich doppelt bauen und nicht nur umschreiben, um den Standards der leichten Sprache gerecht zu werden.“

Wie kann Leichte Sprache technisch und gestalterisch in Websites integriert werden?

Für eine funktionierende Umsetzung braucht es:

  • eine eigene Navigationsstruktur
  • angepasste Buttons und Symbole
  • reduzierte Menüstrukturen
  • klare visuelle Orientierung
  • Texte verfasst nach den Standards der Leichten Sprache
 

Unser Experte sagt klar: „Es gibt derzeit nichts, was Websites vollständig in Leichte Sprache übersetzt.“ Gute Lösungen müssen also manuell entwickelt werden.

Allerdings können Unternehmen sich bei der Anpassung ihrer Websites unterstützen lassen. Besonders die Inhalte und Texte können mit Hilfe von KI schneller in Leichte Sprache umgewandelt werden, müssen aber definitiv noch durch Expert*innen der Leichten Sprache überprüft werden.

Der vielversprechendste Ansatz verbindet künstliche Intelligenz mit menschlicher Expertise. Eine KI liefert die Erstübertragung in Sekunden, zertifizierte Lektor*innen für Leichte Sprache prüfen und korrigieren das Ergebnis gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten: Sie prüfen, ob der Text wirklich verständlich ist. Erst diese Prüfung macht aus einer schnellen Übersetzung einen regelkonformen Text nach DIN SPEC 33429.
Solche hybriden Modelle entlasten geschulte Lektor*innen bei der Erstübertragung und sparen gleichzeitig Zeit und Kosten auf allen Seiten.

Chancen und Hürden für Leichte Sprache im digitalen Raum

Chancen

  • Höhere Zugänglichkeit für alle Menschen
  • Weniger Missverständnisse
  • Eigenständige Nutzung digitaler Angebote
  • Sichtbarere Inklusion
    Erfüllung gesetzlicher Anforderungen für öffentliche Stellen

Hürden

  • Hoher technischer Aufwand
  • Notwendigkeit einer zweiten Website
  • Nicht verpflichtend im Gesetz (außer im öffentlichen Bereich)
  • Keine automatisierten Komplettlösungen
  • Fehlende Ressourcen in vielen Organisationen

Zukunft der digitalen Barrierefreiheit

Trotz aller Herausforderungen ist die Entwicklung positiv. Der Experte beschreibt viele Innovationen, die die jetzige Situation weiter verbessern werden:

  • bessere Assistive Technologien
  • VR- und AR-Anwendungen für Blinde
  • speziell entwickelte Hardware
  • leistungsfähige KI-Tools für Tests und Vorübersetzungen
 

„Öffentliche Stellen sollen Barrierefreiheit ernster nehmen, denn sie ist notwendig. Menschen mit Behinderungen können nur dann voll am Gesellschafts- und auch im Arbeitsleben teilnehmen, wenn digitale Zugänglichkeit selbstverständlich ist.“

Warum barrierefreies Webdesign und Leichte Sprache zusammengehören

Digitale Barrierefreiheit und barrierefreies Webdesign sind nicht nur ein technischer Standard, sondern auch eine Voraussetzung für digitale Teilhabe.
Leichte Sprache ist dabei ein essenzieller Baustein. Beides zusammen ermöglicht: Verständlichkeit, Selbstständigkeit, Gleichberechtigung und gesellschaftliche Teilhabe. 

FAQ zu Leichter Sprache

Leichte Sprache bewegt sich auf einem Sprachniveau zwischen A1 und A2, Einfache Sprache ist etwa bei B1 einzuordnen. Beide Varianten besitzen eine DIN-Norm. Der Unterschied besteht darin, dass Texte in Leichter Sprache von Personen aus der Zielgruppe überprüft werden müssen. Dies decken wir bei KLAO mit unserer Zertifizierung ab: Übersetzende für Leichte Sprache prüfen gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten die erstellten Texte auf ihre Verständlichkeit.

Ja. § 11 des Behindertengleichstellungsgesetzes und § 4 der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung verpflichtet öffentliche Stellen, ihre digitalen Dienste in einer sprachlich vereinfachten und standardkonformen Weise anzubieten.
Seit Juni 2025 verpflichtet das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) auch viele private Unternehmen zu barrierefreier Kommunikation. Bei Verstößen drohen Bußgelder von bis zu 100.000 Euro.

DIN-konform heißt, dass ein Text die Vorgaben der DIN SPEC 33429 erfüllt. Das Regelwerk legt Satzbau, Wortwahl, Layout und den Prüfprozess fest. Für eine Zertifizierung prüfen Menschen mit Lernschwierigkeiten den Text gemeinsam mit Lektor*innen für Leichte Sprache.

KI kann eine Erstübertragung in wenigen Sekunden liefern. Für regelkonforme DIN-Qualität braucht es die Prüfung durch Lektor*innen für Leichte Sprache und durch Menschen mit Lernschwierigkeiten. KLAO kombiniert beides über eine teilautomatisierte Plattform.

Quellen

Über KLAO

Wir bei KLAO verbinden Künstliche Intelligenz mit Menschlicher Expertise. So entstehen Leichte Sprache Texte, die DIN-konform und wirklich verständlich sind. Sie wollen sehen, wie das für Ihre Texte funktioniert?

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