“Wenn ich einen Brief vom Amt bekomme, verstehe ich ihn oft nicht. Dann muss ich jemanden um Hilfe bitten - und das fühlt sich nicht gut an.”
Unser Gesprächspartner nutzt selbst Leichte Sprache und setzt sich seit Jahren dafür ein, dass sie in allen Lebensbereichen selbstverständlich wird. Für ihn geht es nicht nur ums Verstehen, sondern um Selbstbestimmung und Gleichberechtigung.
*Unser Gesprächspartner möchte anonym bleiben. Seine Erfahrungen als ehrenamtlicher Prüfer für Leichte Sprache sprechen trotzdem für sich.
Was ist Leichte Sprache eigentlich?
Leichte Sprache ist eine besonders verständliche Form des Deutschen (eine Varietät des Deutschen). Sie folgt festen Regeln, um Informationen zugänglich zu machen.
Die wichtigsten Regeln der Leichten Sprache:
- Kurze, einfache Sätze
- Einfache, bekannte Wörter
- Keine Fremdwörter oder Abkürzungen
- Schwierige Begriffe werden erklärt
- Wichtige Informationen stehen am Anfang
- Bilder und Symbole unterstützen das Verständnis
Ein Beispiel:
„Leichte Sprache folgt einem festen Regelwerk, dessen Aussagen zum Beispiel sind, dass kurze Sätze und einfache Wörter für die Leichte Sprache als ausschlaggebend gewertet werden.“
Dieser Satz würde in Leichter Sprache wie folgt aussehen:
„Leichte Sprache hat Regeln.
Man muss sich an die Regeln halten.
Die Sätze sind kurz.
Die Wörter sind einfach.“
Leichte Sprache wird für Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt, hilft aber auch älteren Menschen, Kindern, Deutschlernenden und allen, die einfache und schnelle Information wertschätzen.
Für unseren Experten bedeutet Leichte Sprache vor allem eines: gleiche Zugänge zu Wissen.
Leichte, Einfache und Barrierefreie Sprache - was ist der Unterschied?
Einfache Sprache kann im Gegensatz zu Leichter Sprache etwas längere Wörter und Sätze enthalten. Sie hat ebenfalls ihr eigenes Regelwerk und befindet sich zwischen Leichter Sprache und Standardsprache. Barrierefreie Sprache ist ein übergeordneter Begriff und meint alle Formen von zugänglicher Sprache.
Unser Gesprächspartner betont, wie wichtig es ist, den Unterschied zwischen Leichter und Einfacher Sprache zu kennen. Schon kleinere Verschiebungen in Wort- und Satzlängen können dazu führen, dass der Text schwieriger zu verstehen ist. Das schafft Barrieren.
Wichtig ist deshalb das möglichst genaue Einhalten der Regeln der Leichten Sprache, um niemanden in seiner Eigenständigkeit zu behindern.
Wo finden wir Leichte Sprache im Alltag?
Zurecht beschwert sich unser Experte darüber, wenn weder in Politik, der Presse oder in öffentlichen Ämtern Leichte Sprache so zur Verfügung gestellt wird, dass auch er ungehindert Zugang zu allen Informationen hat. Auch wenn Leichte Sprache immer mehr in den Fokus rückt und die Nachfrage lauter wird, reicht ihre Verbreitung bei Weitem noch nicht aus.
Wahlprogramme, Verträge, Bankautomaten, Arztpraxen, Krankenhäuser, Unternehmen – überall ist es nur schwer oder gar nicht möglich, Informationen zu erfassen, wenn keine Version der Texte in Leichter Sprache angeboten wird. Auch Orte der Kultur wie Museen sind betroffen und sollten mit Leichter Sprache Verständnisbarrieren abbauen.
Start-ups wie KLAO kombinieren Künstliche Intelligenz mit menschlicher Prüfung. Menschliche Prüfung bedeutet hier, dass die Ergebnisse der KI von Experten, in diesem Fall Menschen mit einer Lernschwierigkeit, überprüft werden.
So können öffentliche Einrichtungen Texte schneller und effizienter in Leichte Sprache übertragen und dabei sicherstellen, dass sie den DIN-Regeln entsprechen.
Damit wird Leichte Sprache auch für kleinere Organisationen umsetzbar, die bisher nicht die Ressourcen für klassische Übersetzungen hatten.
Warum ist die Leichte Sprache besonders in Behörden wichtig?
Man stelle sich vor, man erhält ein wichtiges Schreiben von der Stadt oder Gemeinde. Man öffnet es und stellt fest, es ist nicht in Leichter Sprache verfasst und die Inhalte sind somit nicht selbstständig erfassbar. Also muss man sich an eine andere Person wenden und ihr persönliche Daten zeigen, um zu erfahren, was in dem Schreiben steht. Zusätzlich muss man hoffen, dass die Person das Schreiben richtig interpretiert und alle Inhalte wahrheitsgemäß weitergibt.
Die Person, die Leichte Sprache nutzt, begibt sich so unfreiwillig in Abhängigkeit von einer anderen – um vielleicht lebensverändernde Informationen zu erhalten. Der Datenschutz ist hier auf jeden Fall nicht gegeben.
Auch unser Gesprächspartner bestätigt: Man muss völlig darauf vertrauen, dass andere einen unterstützen und die Informationen richtig weitergeben. Die Möglichkeit, seine Angelegenheiten selbst zu lösen, gibt es nicht.
Dabei ist die Leichte Sprache mehr als ein Kommunikationswerkzeug – sie ist im Behindertengleichstellungsgesetz (BGG § 11) sowie in der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0 § 4) festgelegt. Laut diesen Gesetzen müssen Behörden wichtige Informationen auch in Leichter Sprache anbieten. Trotzdem bieten 92,8% der öffentlichen Einrichtungen keine Leichte oder Einfach Sprache an.
Fazit - Warum brauchen wir nun also Leichte Sprache?
Leichte Sprache hilft nicht nur Menschen mit einer Lernbeeinträchtigung. Sie ist ein Werkzeug zur Inklusion und Teilhabe für alle, die auf klar verständliche Informationen und Kommunikation angewiesen sind. Sie ermöglicht, dass Menschen selbstständig handeln, informiert entscheiden und gleichberechtigt mitreden können.
Nur wer sich an die Regeln der Leichten Sprache hält, schafft Verständlichkeit, Gerechtigkeit und Unabhängigkeit. Deshalb muss Leichte Sprache bekannter werden und überall da, wo sie noch nicht angekommen ist, muss man sich darüber informieren.
Unser Experte bringt es abschließend auf den Punkt:
„Leichte Sprache ist kein Extra, sondern ein Menschenrecht. Jede Gruppe muss in der Gesellschaft mitgedacht werden.”
Kurz erklärt: Leichte Sprache
- Verständliche Form des Deutschen nach festem Regelwerk
- Verankert im Behindertengleichstellungsgesetz (BGG § 11) und Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0 § 4)
- Ziel: gleiche Chancen auf Information und Teilhabe für alle
- Wird in Behörden, Kultur, Bildung und Unternehmen zunehmend eingesetzt
Quellen
- Antener, Gabriela et al., (2024). Leichte Sprache – Grundlagen, Diskussionen und Praxisfelder. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart.
- Asghari, H., Hewett, F., & Züger, T., (2023). On the Prevalence of Leichte Sprache on the German Web. In: Proceedings of the 15th ACM Web Science Conference 2023 (pp. 147-152).
- Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG), (2021). BFSG (Barrierefreiheitsstärkungsgesetz)
- Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0 § 4), (2011). Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung – BITV 2.0
- Behindertengleichstellungsgesetz (BGG), (2002). BGG – nichtamtliches Inhaltsverzeichnis
- Deutsches Institut für Normung e. V. (DIN), (2025). Empfehlungen für Deutsche Leichte Sprache – DIN SPEC 33429. DIN Media GmbH, 10772 Berlin.
- Manning, Sabine, (2025). ABC der Einfachen Sprache – Merkmale der Einfachen Sprache. Infoportal Einfache Sprache. https://portaleinfach.org/abc-der-einfachen-sprache/merkmale-der-einfachen-sprache/
- Ehrenamtlicher Prüfer für Leichte Sprache. Persönliches Interview. 22.10.2025.
